Internationales JugendKunst- und Kulturhaus Schlesische27

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2011

WAS SOLLEN WIR LERNEN?

Kanonische Bildungskataloge sind alt
und machtvoll, sie werden von Autoritäten gesetzt, sie steuern und prägen die Bildungsentwicklung in ihrem Einzugsfeld.

Was an öffentlichen Schulen gelernt wird, formt Kultur, auch Stadtkultur. Doch wird der konkrete Fächerkanon in aktuellen Integrations- und Bildungsdebatten kaum beleuchtet – weil Konsens besteht? Was passiert, wenn sich Stadt-/Kultur vervielfältigt?

In 2011 haben wir mit Kindern und Jugendlichen in vielfältigen Aktionen quer durch Berlin verborgenen Kanonideen nachgespürt. Zusammen haben wir Bildungswirksames, welches sich abseits des verabredeten Kanons bewegt, aufgespürt, sichtbar gemacht und konkret benannt.

Die Stadt mit ihren vielen Organen, den politischen Gremien und Verwaltungen, Versorgungseinrichtungen, den Wirtschafts- und Gewerbebetrieben, den Flüchtlingsunterkünften und touristischen Zentren, Unterhaltungsmaschinerien und Medienwelten, Kultureinrichtungen, Wissenschaftsbetrieben und Schulen, aber auch mit ihren kleinen privaten Zellen, den – wie auch immer formulierten – Familien und kleineren sozialen Netzwerken: sie alle werten und „weben“ permanent konkrete Stoffe, die in unserer Stadt bildend und gestaltend wirken.


Wie und mit welchem „Maturitätsbild“, bleibt unbesprochen und unübersichtlich.

Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind die Adressaten dieser diffusen „Bildungsmasse“, die täglich neu gerührt wird. Und weil in allen Alltagszusammenhängen mehr oder weniger laut Bildungsinhalte proklamiert werden, ist es notwendig, diese Sammlung gemeinsam anzuschauen und sie zu verhandeln.

Bildungsreformen in der Stadt befassten und befassen sich in erster Linie mit Strukturfragen von Schule und weiterführenden Bildungseinrichtungen, jedoch wird die Wirkung der curricularen Bildungsinhalte nicht in Bezug zu Kultur- und Bildungsentwicklung in der Stadt gesetzt. Projekte zur Stärkung kultureller Vielfalt spekulieren lieber mit den verbindenden Kräften von Feiern und Festivals und graben kaum unter der Oberfläche der Differenzen.

Folge ist unter anderem, dass sich insbesondere Eltern von Schulkindern bei der Mitgestaltung von Bildung ausgeschlossen fühlen, wenn sich ihre eigene Bildungsbiografie jenseits eines mitteleuropäischen Kanons oder hiesiger schulischer Strukturen entwickelt hat. Unser Projekt hatte zum Ziel, in enger Verbindung mit den beteiligten Schulen und Kulturvereinen nachhaltige Partizipationsformen für Eltern zu entwerfen und die Kontakte aus der Kanonumfrage zu nutzen, ihre Kompetenzen und Ressourcen aktiv einzubringen.

Involvieren, diskutieren, verhandeln: „Was sollen wir lernen?“:
Unser Plan hatte somit mit der Neugier zu tun, Bildungswirksames, welches sich abseits eines schulisch verabredeten Kanons bewegt, aufzuspüren, sichtbar zu machen und konkret benennen zu können.

Mit Kindern und Jugendlichen haben wir quer durch Berlin die Frage gestellt: „Was sollen wir lernen?“. Beteiligte Schülerinnen und Schüler aus den Schulprojektwochen der Schlesischen27 sowie Jugendliche aus dem jungenRat haben Interviews geführt. Es wurden in den verschiedenen Bezirken, auf Plätzen, in Gruppen, Familien und Vereinen sehr konkrete Hinweise gesammelt, die in einer groß angelegten „Objektschau“ im Museum der Dinge latent wirkende Kanonvorstellungen repräsentieren. Sofern die Interviewangaben sie nicht auf ein konkretes Zitat/Objekt zuspitzen liessen, wurden die inhaltlichen Ergebnisse von Künstlern und Designern für die Ausstellung interpretiert und im Austausch mit den Interviewten visualisiert.


Absicht war nicht die Engführung der Ergebnisse aus der performativen Bildungsforschung zu einem neuen, geschlossenen Kanon, sondern – in erster Linie – einen lustvollen Streit über Wichtigkeiten und Wertigkeiten im Großraum Bildung anzuzetteln, entlang konkreter, inhaltlicher Vorschläge.


P.S.: Unser großes Stadtinterview startete in der Küche der amerikanischen Backkönigin Cynthia Barcomi von Barcomi’s – Kaffeerösterei & Deli. Ihre spontane Antwort auf die Frage: „Was sollen wir lernen?“ lautete:
„Hefeteig! – wenn man den Hefeteig verstanden hat, hat man viel gewonnen für’s Leben.“